Ökumene
   
         
Russisch-orthodoxe Gottesdienste finden
 
     
• jeden zweiten Samstag im Monat um 10:00 Uhr
 
     
und jeden letzten Sonntag im Monat um 11:30 Uhr
 
     
in unserer Kirche statt.
 
         
 
Lesen Sie dazu auch den folgenden Artikel:
erstellt von Olaf Lorch
 
     

© Pforzheimer Zeitung
Artikel vom 05.05.2003

Olaf Lorch
      
   
  Glaube als geistige Heimat in der Fremde
   
 
Vater Andrej
Vater Andrej ist russisch-orthodoxer Geistlicher. Seinen Gottesdienst für die Gemeindemitglieder aus Pforzheim und dem Enzkreis hält er in der evangelischen Kirche auf dem Haidach ab.  
   
  Weihrauch schwängert die Luft. Unermüdlich schwenkt der junge Mann mit dem Kinnbart das Gefäß. Immer wieder wird nachgelegt. Hinter seinem Rücken verliert sich das Dutzend Gläubiger an diesem Samstagmorgen im Schiff der evangelischen Kirche im Pforzheimer Stadtteil Haidach.
Viktor Gittfried heißt der 29-Jährige mit bürgerlichem Namen. Nur: Hier nennt ihn keiner so. Nicht in Baden-Baden, wo er wohnt, nicht in Pforzheim oder Ulm, wohin er reist, wenn es seine insgesamt rund 60 Gemeindeglieder nach Spiritualität einerseits und dem Loswerden profaner Sorgen andererseits dürstet. Für sie ist er Vater Andrej, Priester der russisch-orthodoxen Kirche des Patriarchats Moskau (im Gegensatz zur russisch-orthodoxen Auslandskirche, deren geistliches Zentrum in den USA liegt). 1992 kam Gottfried aus Kasachstan nach Deutschland. Am 11. Juni 1988 wurde er getauft, vor zwölf Jahren wurde er zum Priester geweiht und betreut die im Entstehen begriffene Gemeinde in Pforzheim.
 
  Wohlwollen des Dekanats
 
  „Wenn eine solche Kirche ihren Platz hat, dann hier auf dem Haidach“, sagt Eberhard Weber und lacht kehlig.
Der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde ist gewissermaßen Hausherr, spricht von „ökumenischer Gastfreundschaft“.
Eine erste Anfrage der Russisch-Orthodoxen hatte es bereits im vergangenen Jahr gegeben. Das Dekanat hatte Wohlwollen signalisiert, der Ältestenkreis stimmte zu. Seither werden zweimal im Monat Gottesdienste im Schatten der Hochhäuser abgehalten - über 80 Prozent der Einwohner des Stadtteils sind Spätaussiedler beziehungsweise russische Familienangehörige. Und das Verhältnis dreht sich immer mehr - waren früher dreiviertel all derer, die aus der Sowjetunion oder deren Nachfolgestaaten kamen, Deutschstämmige, machen sie heute nur noch ein Viertel aus. Die Folgen sind weit reichend: Die Familienangehörigen - ob Ehepartner oder Kinder - sind des Deutschen nicht mächtig, fühlen sich nicht integriert, schotten sich von selbst ab.
Da dies weniger die seit vielen Jahren integrierten Spätaussiedler aus Pforzheim betrifft, kommen die russischen Gottesdienstbesucher meist aus dem Enzkreis. Sie kaufen Ikonen, die über die Erzdiözese aus Russland importiert werden, Kerzen, die sie anstecken und mit deren Erlös wiederum Ikonen für die Gottesdienstgestaltung angeschafft werden. „Andere Geldmittel haben wir nicht“, sagt Wjatscheslaw Gaspert, örtlicher Ansprechpartner von Vater Andrej und eine Art Hausmeister des Kircheninventars: Der Kraftfahrer - er ging wie sein Vater bereits in der Sowjetunion diesem Beruf nach - kümmert sich darum, dass vor jedem Gottesdienst das Instrumentarium bereit steht: die Podeste mit den orthodoxen Kreuzen auf der Stirnseite, die hüfthohen Holzständer für die schmalen und die sieben kurzen Ständer für die dicken rosa Kerzen, der Tisch mit den Ikonen und der mit den Devotionalien, die Formulare für die Fürbitte - Namen, die der Geistliche während der Zeremonie verlesen wird, während der Weihrauch über die flackernden Kerzen weht.
 
  Gottesdienst im Stehen
 
  Niemand sitzt während der Liturgie - es sei denn, die Gläubigen hätten gesundheitliche Probleme, die bis zu vierstündigen Gottesdienste im wahrsten Sinne des Wortes durchzustehen.
Vater Andrej hat, nachdem er mit dem Zug aus Baden-Baden angereist ist und vom Hauptbahnhof abgeholt wurde, seinem Koffer das Ornat entnommen, das er bedächtig und unter Küssen über die schlichte schwarze Soutane zieht: ein prachtvolles weißes Seidenkleid mit besticktem Saum und Fransen, samtenen Manschetten, Bauchbinde und den im Schulterbreich gestärkten Mantel - ein Gottesgewand wie eine Rüstung. Nach dem Gottesdienst wird der Geistliche zum Seelsorger, ehe er seine Utensilien wieder packt und nach Baden-Baden fährt.
Bis zum nächsten Mal. Vater Andrej: „Der Glaube ist eine Art Heimat in der Fremde. Die Kirche ist die Brücke zwischen Russland und Deutschland.“ Wjatscheslaw Gaspert ist überzeugt: „60 Gläubige - das ist erst der Anfang.“