Jahreslosung 2006
 
     
     
     
Bildbetrachtung zur Kirchturmfahne der Kirchengemeinde Langensteinbach mit der Jahreslosung aus Josua 1,5b, gestaltet von Rüdiger Pfeffer


Freundliche Farben sind es, in denen der Künstler Rüdiger Pfeffer das Bild für die Jahreslosung des Jahres 2006 gemalt hat. Unschwer sind das Schaf und der Hirte mit seiner Hirtentasche und dem Hirtenstab zu erkennen. Auch der Hütehund fehlt nicht.

Eine bedrohliche Situation...
Aber es ist ein anderes Bild, als die, die ich sonst vom Hirten und seinen Schafen kenne. Da ist kein Schäfer, der seine Schafherde gemütlich und inmitten einer idyllischer Landschaft weidet. Da ist auch kein Hirte, der sein Schaf auf den Schultern Heim trägt, wie ich es aus meiner Kinderbibel oder von einem Bild meiner Großtante in Erinnerung habe. Nein, das Bild hat trotz der freundlichen Farben etwas Spannendes, ja sogar Beängstigendes.

"Ich frage mich, wie das Schaf dorthin gekommen ist. So wie ich mich manchmal frage, wie ich in manche Situationen geschlittert bin. Wie manche Menschen um mich herum in so ausweglose Nöte geraten. Und ich merke, dass ich auf die Frage keine Antwort weiß."

Da ist zunächst das Schaf. Verängstigt und steifbeinig steht es auf einem Felsvorsprung, der sich bedrohlich zum gähnenden Abgrund neigt. Gefangen ist es in einer dunklen, felsigen Nische. Kein Strohhalm ist da, woran es sich klammern könnte, kein Grashälmchen, um sich zu stärken. Unsicher und hölzern geht sein Blick empor, ängstlich, dass es jeden Augenblick abrutschen und im Abgrund verschwinden könnte. Ich frage mich, wie das Schaf dorthin gekommen ist. So wie ich mich manchmal frage, wie ich in manche Situationen geschlittert bin. Wie manche Menschen um mich herum in so ausweglose Nöte geraten. Und ich merke, dass ich auf die Frage keine Antwort weiß. Ja mehr noch, ich begreife, dass eine Antwort auf diese Frage keine Hilfe schaffen würde. Und es ist doch offensichtlich: Das Schaf ist verloren, wenn es keine Hilfe bekommt. Ohne fremde Hilfe wird es irgendwann ermüden, abrutschen und in den Abgrund stürzen.

Auf das Schaf, das seine Blicke ganz vorsichtig aufhebt zu dem Berg, fällt ein Lichtschein - wie ein Hoffnungsschimmer des Himmels. Von oben her berührt er das Schaf. Von dort, wo sich der Hirte hinablässt an der steilen Felsmauer, von dort, woher Hilfe kommt.
 
     
Waghalsig und voller Zuversicht

Von der sicheren Sonnenseite des Lebens lässt sich der barfüßige Mann hinab auf die Schattenseite. Die Augen fest auf das Schaf gerichtet, nicht auf die Felswand und ihre Vorsprünge, die Stellen, an die man sich zur Not klammern könnte. Waghalsig sieht es aus, wie er sich am Abgrund herablässt. Noch waghalsiger, wenn man sieht, wie er das Halteseil an seinem Stecken oder Stab festgebunden hat, ganz vorne am äußersten Rand der Klippe. Fast scheint es so, als setzte der Hirte sein eigenes Leben auf's Spiel. Ich bange förmlich mit, ob denn das Seil halten wird, ob es dem Mann gelingt, heil zu seinem Schaf zu kommen. Ob er das Schaf wieder hinaufbringen kann ins Licht? Ob das Seil auf dem Rückweg gar beide tragen wird?

Wenn ich in das Gesicht des Hirten sehe, merke ich, wie die Zuversicht steigt, dass alles gut wird. Denn da ist keine sorgenvolle Anspannung zu sehen, kein vorwurfsvoller Blick, sondern nur ein Lächeln. Auch der Hund, der das Schaf vielleicht gefunden hat, schaut treu und freundlich auf die Szene herab.

"Es tut gut, zu wissen, dass sich jemand auf die Schattenseite meines Lebens herablässt, da wo sich Abgründe vor mir auftun oder kein Weg zu sehen ist."

Es tut mir gut, Zuversicht zu gewinnen, dass es Hilfe in schier aussichtslosen Situationen gibt. Es tut gut, zu wissen, dass sich jemand auf die Schattenseite meines Lebens herablässt, da wo sich Abgründe vor mir auftun oder kein Weg zu sehen ist. Es tut gut, wenn mir jemand sagt: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. So hatte es Gott Josua nach dem Tod von Mose versprochen, als er vor der unüberschaubaren Aufgabe stand, das Volk Israel in das Land Kanaan zu führen: "Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht."

Der Zuspruch gilt mir

Das Bild von Rüdiger Pfeffer mit der Jahreslosung aus Josua 1,5 wird das ganze Jahr 2006 hindurch als riesiges Stoffbild von 9x3 Metern vom Kirchturm unserer Kirche in Langensteinbach herunterschauen. Etwa 25 000 Autofahrer werden täglich an ihm vorbeifahren, viele Fußgänger an ihm vorbeilaufen. Manche von ihnen sind vielleicht auf dem Weg zu einem schwierigen Gespräch, zu einer Klassenarbeit in der Schule oder zu einem langen Arbeitstag. Andere kommen vielleicht gerade vom Arzt oder sind auf dem Weg hinauf zum Krankenhaus. Wieder andere sind auf dem Weg zur Autobahn, weil sie auf eine lange Reise müssen.

Ich wünsche diesen Menschen, dass sie ihren Blick aufheben zur Jahreslosungsfahne am Kirchturm mit seinem Bild und dem Vers aus dem Josuabuch.

"Ich wünsche ihnen, dass sie sich an den Psalm 23 vom guten Hirten erinnern oder an Jesus, der nicht nur davon gesprochen hat, dass er als der gute Hirte bereit wäre, sein Leben für die Schafe lassen, sondern es auch getan hat."

Und ich wünsche ihnen, dass Sie Zuversicht gewinnen. Ich wünsche ihnen, dass sie sich an den Psalm 23 vom guten Hirten erinnern oder an Jesus, der nicht nur davon gesprochen hat, dass er als der gute Hirte bereit wäre, sein Leben für die Schafe lassen, sondern es auch getan hat. Ich wünsche diesen Menschen, dass sie sich an das Gleichnis Jesu vom guten Hirten erinnern, der das verlorene Schaf sucht, bis er es gefunden hat, um es heimzubringen.

Aber vor allem wünsche ich allen Menschen, die dieses Bild auf ihren täglichen und manchmal auch schweren Wegen sehen und entdecken: Der Zuspruch dieser Jahreslosungsfahne gilt mir. Gott lässt sich auch in meine Schattenseiten herab. So wie Jesus sich um die gekümmert hat, die oft genug in ausweglose Sackgassen geraten sind, so möchte er auch mir beistehen. Gott spricht zu mir:

Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.