Predigt 3. Sonntag nach Trinitatis - 2003
 
   
 
von Pfarrer Eberhard Weber (es gilt das gesprochene Wort)
 
   
  Predigttext: Lk 15,1-3.11b-32:  
  [1] Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. [2] Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. [3] Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: [ ... ] [11b] Ein Mensch hatte zwei Söhne. [12] Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. [13] Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. [14] Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben [15] und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. [16] Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. [17] Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! [18] Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. [19] Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! [20] Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. [21] Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. [22] Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße [23] und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! [24] Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. [25] Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen [26] und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. [27] Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. [28] Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. [29] Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. [30] Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. [31] Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. [32] Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.  
   
   
  Liebe Gemeinde,

seltsam, obwohl dieses Gleichnis als Hauptakteur eigentlich den Jüngeren der beiden Brüder kennt, erzählt es eigentlich die Geschichte des Älteren - so verstehe ich zumindest den Kontext dieses Gleichnisses, das nämlich erzählt wird den Pharisäern und Schriftgelehrten. Um sie geht es Jesus, wenn er diese Geschichte erzählt. Sie finden sich doch eher im älteren Bruder wieder. Also möchte ich mehr über diesen Älteren erfahren. Das führte mich dazu, lange in den Archiven der Kirche zu forschen, über www.vatican.de geht das ja heute ganz leicht. Und tatsächlich habe ich nach aufwändiger Recherche das Tagebuch des Älteren dort gefunden. Es hilft uns, diese Ereignisse und sicher auch mehr zu verstehen. Aber hören Sie selbst die Aufzeichnungen dieser ereignisreichen Tage:

Montag 23.30 Uhr: Ich liege hellwach im Stall auf dem Heuboden. Dort habe ich mir ein Nachtlager eingerichtet, nachdem im Haus drüben dieser Sohn angekommen ist, mit dem ich nicht unter einem Dach sein möchte. Ich kann trotzdem nicht schlafen. Der Lärm des Festes aus dem Haupthaus schallt bis zu mir herüber. Ich höre Musik und Lachen - manches Mal glaube ich das schrille Lachen meines Bruders herauszuhören. Aber nicht das lässt mich nicht einschlafen. Meine Gedanken kreisen noch immer um das, was heute geschehen ist. Ob dieser Sohn überhaupt merkt, wie weh er mir getan hat? Nein, ich meine gar nicht dieses Fest, das Vater heute für ihn gibt. Irgendwie habe ich nichts anderes erwartet, als mir ein Knecht erzählt hat, dass er ihn wiedergesehen hatte. Nein, viel schmerzhafter war für mich der Moment, als er damals den Mut fand, einfach zu gehen. Wie sehr beneidete ich ihn um seinen Mut. Ich habe es nicht geschafft. Habe mich an die Bequemlichkeit in unserem Gutshaus gewöhnt, das gute Essen, die Versorgung und auch die Sicherheit, die ich dort genoss. Aufbruch in eine andere Zeit, das kam für mich damals nicht in Frage. Er gab alles auf - eigentlich für eine geringe Summe. Und in mir brannte der furchtbare Neid auf meinen jüngeren Bruder. Lange Zeit hatte ich geglaubt, ich hätte es gut verdrängt. Doch jetzt ist es wieder wach geworden in mir. Diese Sehnsucht nach Veränderung, nach Wanderschaft, zu der mir immer noch der Mut fehlt. Wer kann mir helfen? Ich gehe jedenfalls nicht ins Haus zurück! Noch nicht. Wenn sich jetzt jemand bewegen muss, dann die! der Vater! und der Bruder erst recht!

Dienstag 22.00 Uhr: Vater hatte immer erzählt und geschimpft über die Pharisäer, die auch nicht offen waren für Veränderung, für Neuanfang, für Aufbruch. Er dachte da viel freier; vielleicht ist das auch der Grund für sein Verständnis, das er jetzt dem Bruder gegenüber zeigt. Aber ehrlich gesagt, verstehen kann ich das nicht. Ich habe jedenfalls immer, auch heute brav meine Arbeit getan - keine Minute lag ich auf der faulen Haut, oder habe es genossen, der Erbe zu sein. Ich betrachte Erbesein als Aufgabe nicht als Privileg. Und die Aufgabe heißt, das Gut zu pflegen, zu erhalten und nicht durch leichtsinnige Aktionen in Gefahr zu bringen. Da darf man sich keine Extratouren erlauben. Darf nicht vom gewohnten Weg abweichen, sonst bricht alles zusammen.

Mittwoch 22.30 Uhr: Komisch, die Knechte haben heute vom Bruder erzählt. Sie sind alle begeistert von ihm. Nein, nicht die Erfahrung der großen, weiten Welt - die Erfahrung mit Prunk und Pomp, mit Huren und Elend macht's. Es scheint so, als ob er durch die Begegnungen mit den fremden Menschen und der weiten Welt "schlauer" geworden ist. Er scheint viel lockerer mit den Zwängen auf unserem Hof umzugehen. Vielleicht hat ihn sein Weg wirklich weiser gemacht, andere Menschen zu verstehen? Die Knechte und Mägde jedenfalls hat er schon mit seiner Art überzeugt. Heute war ich doch einmal drüben im Haus und habe mit zu Mittag gegessen. Aber ich konnte niemandem in die Augen sehen. Zur sehr schmerzte mich das Ganze; zu sehr fühle ich Scham. Ob ich ihnen jemals wieder begegnen kann? Ohne an den Verrat zu denken?

Donnerstag, 23.30 Uhr: Heute kam am Abend statt des Knechtes mein früherer Bruder mit einem Tablett in den Stall, um mir das Abendessen zu bringen. Ich war zunächst völlig perplex - wollte ablehnen - Aber er bat mich um Verzeihung. Nein, nicht um Verzeihung, weil er jetzt wieder da ist und scheinbar nahtlos wieder als Sohn und Erbe auftritt. Weil er so übervorteilt würde. Genau um diese Privilegien ginge es ihm nicht beteuerte er mir. Das sei allein Vaters Wille. Das wusste ich ja auch, dass Vater so ein unendlicher Versöhner ist, dass er die treibende Kraft für diese Ereignisse am Montag war. Nein, er bat um Verzeihung dafür, dass er mich so in eine Krise gestützt hatte - ich nicht mehr verstand, ob Kontinuität das Richtige sei oder eher Aufbruch. Komisch, er scheint meine Wunde zu spüren. Das macht mir Angst. Alles war so einfach - und nun ist alles neu.

Freitag, 22.00 Uhr: Ein Knecht hat mich bei der Arbeit in ein Gespräch hineingezogen. Er erzählt von diesem Jesus, der eben auch nicht von Gott sprach, wie wir Gottesfürchtigen, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten es schon Jahrhunderte tun. Ein Gott der klaren Regeln - Jesus erzähle von einem ganz andern Gott - Gnade, Erbarmen - Neuanfang. Selbst mit Versagern. Am Ende unseres Gespräches wusste ich auf einmal nicht mehr, ob's ihm um Jesus ging, um den Bruder, der Gnade für seine Fehler gefunden hatte, oder um mich, der ich einfach nicht über meinen Schatten springen konnte. Den Nachmittag über sollte ich Zäune spanne für unser Vieh. Ich habe nur ganz wenig geschafft. Viel zu sehr kreisten meine Gedanken um diese Ereignisse. Warum sollte ich jetzt auch die Rinder einsperren. Ich habe ja selbst das Gefühl eingesperrt zu sein.

Sabbat 16.00 Uhr: Ausruhen - Schrecklich! Da kommt man noch viel mehr zum Nachdenken. Fast eine Woche ist mein Bruder wider hier und ich konnte mich noch nicht mit ihm freuen. Warum, nur? Warum schaffe ich es nicht, mich frei zu machen, umzukehren - Buße zu tun und mich an seinem Neuanfang zu freuen? Bin ich denn der verlorene Sohn? Obwohl ich die ganzen Jahre immer brav zu Hause blieb? Sollte ich mit meiner Art auf dem Holzweg sein? Ich habe Angst. Wer kann mir die Angst nehmen? Die Angst, wenn ich gewohnte Bahnen verlasse? Die Angst, wenn ich Perspektiven/Zukunft verliere, obwohl sich mir neue auftun. Wer kann mir helfen, selbst aufzubrechen? Wer kann die Angst nehmen, zu sterben?

Sonntag 7.00 Uhr: gerade war ein Knecht da, der mir berichtet hat, dass heute dieser Jesus zu Besuch komme. Gestern ist in mir die Gewissheit gewachsen, dass er, nur er mir die Chance zum Neuanfang geben kann. Er kann mir heraushelfen aus diesem Teufelskreis, der mich eingesperrt hat in alte Denkstrukturen. Er kann mich frei machen von diesem Gefängnis, das mich schon Jahre einsperrt. Er kann mir das ermöglichen, von dem mein Bruder aus Erfahrung spricht: Umkehr. Jetzt gehe ich rüber. Diese Chance lasse ich mir heute nicht entgehen. Ich möchte mitfeiern. Feiern, dass ich auch Neuanfangen kann. Feiern, dass Gott mir Umkehr ermöglicht.

Amen.