Predigt 1. Sonntag nach Epiphanias - 11.01.2004
 
   
 
von Pfarrer Eberhard Weber (es gilt das gesprochene Wort)
 
   
   
  Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.  
   
 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom. Dort schreibt er im 12. Kapitel:

Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, daß niemand mehr von sich halte, als sich's gebührt zu halten, sondern daß er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß.

Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er's gern.

Liebe Gemeinde,

Ein Seifenfabrikant sagte einmal zu einem Pfarrer: "Christlicher Glaube hat nichts in der Welt bewirkt. Es gibt doch immer noch böse Menschen." Der Pfarrer wies auf ein schmutziges Kind, das dort im Sand spielte, und sagt: " Seife hat auch nichts bewirkt, es gibt immer noch Schmutz und Dreck in der Welt." Darauf der Seifenfabrikant: "Seife wirkt eben nur, wenn man sie auch benutzt." Darauf der Pfarrer: "Sehn's Sie, so ist's auch mit dem christlichen Glauben!"

Vielleicht ist genau das die Zusammenfassung unseres Predigttextes aus dem Römerbrief.

Zur Situation: Paulus schrieb an die Gemeinde in Rom einen Brief, in dem er sich, seine Theologie und seine Arbeit vorstellte. Unser Brief sollte so etwas wie ein Empfehlungsschreiben für die Gemeinde werden, denn Paulus wollte oder sollte nach Rom reisen. (Ob damit eine geplante Missionsreise Pauli in die Hauptstadt oder seine Reise als Gefangener zum kaiserlichen Gerichtshof gemeint ist, sei mal dahingestellt). Und in den ersten 11 Kapitel seines Briefes hatte er deshalb ausführlich seine Theologie dargelegt. Er beschrieb deutlich, was Gott für uns geleistet hat. Das ist die klassische Paulinische Rechtfertigungslehre. Im Prinzip setzt ja seine Theologie an bei dem Fest, das wir gerade gefeiert haben: Weihnachten, die Erscheinung Gottes unter den Menschen. Das Kind in der Krippe, das Kind, das die Weisen aus dem Orient gefunden hatten, das ist der Jesus aus Nazareth, durch den konkret wurde, was Gott mit Annahme und mit Rechtfertigung meinte. Er lebte Annahme, wenn er sich den Menschen zuwandte, die in der damaligen israelitischen Gesellschaft keine Chance bekamen. Er durchlebte Rechtfertigung, als er für uns ans Kreuz ging. Er überlebt den Tod um so für uns alle neues Leben möglich zu machen. Weihnachten, so heißt es deshalb mit einem Begriff, der in der theologischen Literatur zum Römerbrief immer wieder an dieser Stelle benutzt wird, Weihnachten ist sozusagen der "Indikativ" Gottes an uns Menschen, die Aus- oder Zusage, dass Gott uns liebt.

Soweit dieser erste Teil des Römerbriefes. Die ersten Verse unseres heutigen Textes bilden quasi das Scharnier,die Nahtstelle zwischen diesem Teil, dem Evangelium, der Zusage enthält und dem zweiten Teil, in dem es um die Konsequenzen für unser Leben, also um den Gebrauch unseres Glaubens (s.o.) geht. Vom Indikativ führt uns Paulus nun zum Imperativ, zum Befehl. Der Ansatz zum Handeln ist eigentlich recht einfach: Weil ich keine Hand rühren muß, um Gott zu gefallen, habe ich beide Hände frei, im Alltag, in der Welt dort zuzupacken, wo meinen Hände gebraucht werden. Das nennt Paulus "Gottesdienst"

Im Gottesdienst am Sonntag, in der Stunde zwischen 9.30 und 10.30 feiern wir, dass Gott uns dient. Paulus geht es nun im zweiten Abschnitt um den Gottesdienst, der in den übrigen 167 Stunden der Woche geschieht. Gottesdienst, rechter Gottesdienst heißt für ihn auch, dass sich dieser Gottesdienst im konkreten Gottesdienst, im angewandten Glauben auswirkt. So wie die Seife auf dem Badewannenrand nichts bewirkt, sondern angewandt werden muss, ins Wasser und schließlich auf meine Haut muss, so muss auch der Glaube ins Leben, muss in meine Hände, zu meinen Mitmenschen. In der Theologie spricht man dann von der Ethik, die Lehre von Dem, was zu tun ist. Es geht um die Aufforderung zum richtigen Leben. Deshalb folgt nun im zweiten Teil des Römerbriefes als wichtigstes Satzzeichen das Ausrufezeichen; es kommt quasi der schriftgewordene erhobene Zeigefinger. Aber nicht als Drohgebärde: Wenn du nicht das oder das tust, dann... Sondern ich verstehe diesen Zeigefinger als einen Finger, der mich hinweist auf meine Mitmenschen, auf meine Mitwelt. Wer den Zeigefinger des Johannes aus dem Isenheimer Altar kennt, der weiß, dass dieser auf Jesus hinweist. Hier scheint sich nun dieser Finger abzuwenden vom Hinweis auf den menschgewordenen Gott (dort am Kreuz!) hin zum Hinweis auf die Menschen schlechthin.

Rechtes Handeln ist dann das gott-wohlgefällige Opfer, wie es Paulus nennt. So kommen nun die konkreteren Paulinischen Forderungen: "Stellt euch nicht dieser Welt gleich!", auch nicht etwa durch Flucht in eine religiöse Schein- oder Überwelt, sondern es geht im Gegenteil um die Erneuerung des Menschen in dieser Welt. Das "Gute und Wohlgefällige und Vollkommene" soll im Alltag geschehen, unter den Menschen in dieser Welt und in dieser Zeit - dort, wo geliebt und gelitten, gelacht und getrauert, gezweifelt und geglaubt wird Glaube ist niemals Glaube, der uns aus der Welt heraushebt, sondern in diese Welt hineinweist. Als Glieder Christi sind wir gefordert, uns mit den von Gott anvertrauten Gaben und Fähigkeiten, mit denen jede und jeder ganz unterschiedlich ausgestattet ist, für das Gute und gegen das Böse zu kämpfen. Paulus gebraucht für konkretes Handelnhier dann das Bild vom Leib mit den vielen Gliedern. Es ist nicht ganz so ausgeführt, wie im 1. Korintherbrief; dennoch wird deutlich, dass jeder natürlich mit den je eigene Gaben des Glaubens in der Welt dienen sollte.

In der Fortführung unseres Textes, dem Predigttext am nächsten Sonntag, heißt es deshalb folgerichtig: "Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an." Glaube ist also stets gelebter Glaube, ganz unmittelbar umgesetzt im Engagement für die Verbesserung der Lebensverhältnisse, als Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Was soll ich jetzt tun? Ganz konkret? Paulus nennt ganz unterschiedliche Aspekte. Eine Aussage Pauli scheint mir wichtig zu sein für den Imperativ, die Forderungen Gottes. Paulus schreibt: "prüft ... was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene." Ganz wichtig ist auch die Unterscheidungsfähigkeit, die Gott uns schenkt, die er uns gibt, die er aber auch bei uns verlangt. Dabei geht es nicht allein darum, zu unterscheiden, zu erkennen, was meine ganz speziellen Fähigkeiten sind (ob ich z.b. musikalisch bin, oder lieber gerne Vorträge halte, ob ich eher meine Stärken habe im Pflegen von kranken Gemeindegliedern oder doch lieber mit Kindern arbeite...). Das ist sicher ganz wichtig, dies selbst an mir zu erkennen!

"Prüfung" meint aber auch, wie es hier heißt, "was Gott wohlgefällig ist". Am deutlichsten wurde dies Prüfung für uns Christen in Deutschland vielleicht im sogenannten Kirchenkampf, während der Herrschaft der Nazidiktatur. Damals zogen Theologen Grenzlinien, erkannten Irrtümer, Wege, Taten, die eben nicht mehr gott-wohlgefällig waren, sondern ein Irrweg. Die Barmer Theologische Erklärung vom Mai 1934 ist dafür Zeugnis. Damals erkannten Theologen und Kirchenleute der Bekennenden Kirche, führend war unter ihnen der Schweizer Theologe Karl Barth, dass das Kriterium für diesen gott-wohlgefälligen Dienst immer Jesus Christus ist. In der 6. These heißt es: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen." Und positiv, also auf unser Handeln bezogen, formulierten sie: "Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk."

Das ist also Kriterium für unser Handeln: "an Christi statt" sollen wir den Menschen die Botschaft der Annahme und Rechtfertigung in Wort und Tat ausrichten.

Dies wurde mir diese Woche in der Schule deutlich: In meiner 6. Klasse behandle ich gerade die Gleichnisse Jesu. In einer Arbeitshilfe wurde zu den Reich-Gottes-Gleichnissen vorgeschlagen, den Schülern das Bild einer geöffneten Tür in die Hand zu geben. Sie sollte einen Ausblick, ein Durchblick auf das Reich Gottes bieten, den die Gleichnisse Jesu geben. "Was gehört also in dieses Reich Gottes?" war die Frage. Schreibt oder malt es in diese geöffnete Tür. Reichtum, jeden Tag ausschlafen können, Gesundheit, ein Mercedes für jeden und Ähnliches kam da. Von einem der chaotischsten Schüler, der immer wieder Disziplinproblem hat, kam wie aus der Pistole geschossen: "...dass man eine Chance kriegt, auch wenn man Fehler macht!" Er kann dies sagen, weil er genau dies im Religionsunterricht erfahren konnte. Dem muss ich - glaube ich - nichts mehr hinzufügen. Ich wünsche ihm, dass er immer wieder Menschen begegnet, die ihm diese Erfahrung schenken. Wenn wir das leben können, weitergeben können, dann ist dies sicher ein vor Gott wohlgefälliges Opfer. Und dann kommt unser Glaube als rechter Gottesdienst ins Leben; schwimmt im Leben, wie die Seife in der Wanne.
Amen.