Predigt 1. Christtag - 25.12.2003
 
   
 
von Pfarrer Eberhard Weber (es gilt das gesprochene Wort)
 
   
   
  Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.  
   
  Liebe Gemeinde,

der Titel des Magazins "Focus" passte mal wieder in die gesellschaftliche Landschaft wenige Tage vor Weihnachten (eigentlich ist dieses Thema immer im Spiegel und Stern zu dieser Jahreszeit - aber auch der Focus lernt dazu):
"Der Mensch Jesus" Das ist vielleicht wirklich das Thema für den Weihnachtsabend, an dem man vor der Krippe steht (oder auch sitzt) und die Menschwerdung Gottes feiert. Gott wird Mensch und dann kann man schön entfalten, egal ob popular-journalistisch wie im Focus oder doch theologisch abgesichert in einem der vielen Bücher über "Jesus von Nazareth", wie dieser Jesus ganz Mensch wurde - nicht nur versteckt in menschlicher Gestalt war, sondern wirklich teilhatte an allem Menschlichen - an Leid, wie an der Freude - und so uns die Nähe Gottes in unserer Welt, in unserer Zeit vermittelte. Jetzt kommt dann der Dämpfer für die Focus-Redaktion, wie für alle anderen, denen das Mensch-Sein Christi so wichtig ist: Das ist der Predigttext aus dem Hebräerbrief. Ein Brief an eine Gemeinde der zweiten, dritten Generation, die sicherlich Gemeindeglieder unter sich hatte, die von der jüdischen Tradition her kamen. Ein Brief an Gemeindeglieder der dritten Generation, für die das Leben Jesu auch schon etwas ferner war. An sie richtet sich dieser Brief, eigentlich ist es eine Predigt, die mit einem wunderschönen Hymnus, einem Lied beginnt; hören wir den Beginn des Hebräerbriefes:

Textlesung (Hebr. 1, 1-6 ):

 
  Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten,
hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat.
Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe und ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name.
Denn zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt : »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt«? Und wiederum: »Ich werde sein Vater sein, und er wird mein Sohn sein«?
Und wenn er den Erstgeborenen wieder einführt in die Welt, spricht er:
»Und es sollen ihn alle Engel Gottes anbeten.«
 
   
 

"Heut schließt er wieder auf die Tür..." hatten wir vorhin gesungen und deshalb steht extra die offene Tür hier im Raum (Vor dem Altar steht eine richtige Tür aus dem Bauhaus, die geöffnet ist). Wir sehen durch die geöffnete Tür - symbolisch hier nur auf den Altar, aber eigentlich öffnet sich mit der Weihnacht die Tür zum Blick ins "Paradeis", zum Blick in den Himmel. Übrigens ist die Liturgie, der Gottesdienst der orthodoxen Kirchen genau dies - ein ansatzweiser Blick auf das Geschehen im Himmel.
Das ist der totale Kontrast zum armseligen Stall in Bethlehem, an den wir gestern Abend erinnert wurden; an das Kind in der Krippe, an Maria und Josef und die Outlaws, diese hergelaufenen Hirten, die sich dort trafen.
Ich bin überzeugt, dass dieser Blick auf die Krippe, auf die Menschwerdung Gottes, auf die Erdung Gottes unheimlich wichtig ist zum Verständnis von Weihnachten, zum Verständnis der ganzen Heilsgeschichte.
Aber: Unser heutiger Text, der heutige Blick in den offenen Himmel zeigt uns: Das Kind in der Krippe ist auch der Herr dieser Welt. In diesem Kind in der Krippe sehen wir eigentlich Gott, den Schöpfer, den Retter und den Bewahrer dieser Welt. Jesus ist eben beides (das meint die Zwei-Naturen-Lehre): menschlicher Bruder und Gottes Sohn. Und genau deshalb ist sein Leben, alles, was er sagte, nicht nur guter, vielleicht perfekter Humanismus und idealistische Lehre, sondern himmlische Wahrheit.

Heinrich Böll schrieb einmal in einem Sammelband über Jesus unter anderem: "Mir erscheint die Trennung des Jesus vom Christus wie ein unerlaubter Trick, mit dem man dem Menschgewordenen seine Göttlichkeit nimmt und damit auch allen Menschen, die noch auf ihre Menschwerdung warten...An der Gegenwart des Menschgewordenen werde ich nie zweifeln. Aber Jesus allein? Das ist mir zu vage, zu sentimental, zu storyhaft, zu sehr eine rührende Geschichte..."

Böll ist der göttliche Aspekt, die göttliche Natur Christi genauso wichtig, nicht nur der irdische Jesus. Das beschreibt auch der Predigttext: Jesus Christus ist die letzte, letztgültige Offenbarung Gottes an uns Menschen, die eben nicht durch einen Menschen geoffenbart wird, sondern durch Gott, durch Gottes Sohn selbst.
Und so führt unser Predigttext hin zu verschiedenen Eigenschaften Christi - eben Eigenschaften, die seine göttliche Natur unterstreichen, die wir durch die geöffnete Tür nur bruchstückhaft erkennen können; da heißt es: Er ist Erbe der Welt; Abglanz der Herrlichkeit Gottes; Ebenbild Gottes; er trägt alle Dinge; er reinigt von allen Sünden; er ist Herrscher, da er zur Rechten Gottes, also an der Herrscherseite sitzt.
Es würde jetzt sicher spannend sein, diese einzelnen Aspekte der göttlichen Natur Christi näher zu beleuchten. Das könnte in ein längeres theologisches Seminar ausarten. Allein schon dieses Bild vom Abglanz Gottes findet sich ja vielfach wieder in anderen Bildern und Symbolen der Bibel und kirchlichen Tradition. Und es findet in unserem Handeln an Weihnachten mit dem Symbol Licht, mit den Kerzen ein beständiger Widerhall.
Ich möchte nur einige Aspekte benennen, die mir auffallen, wenn ich höre: "Er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort..." Dabei fällt mir zunächst der Riese Atlas ein, der nach der griechischen Sagenwelt, die Welt auf seinen Schultern tragen solle. Ist Christus so etwas, wie ein gigantischer Atlas? Jesus als reinkarnierter Herkules?
Das wäre falsch und entspräche auch nicht den Worten, die wir hier hören. Es heißt klar: "...er trägt mit seinem Wort." D.h,. er trägt nicht mit physischer oder psychischer Gewalt und Kraft, sondern viel eher mit dem Wort, das eine ganz andere Kraft entfalten kann. Gottes Wort war es, das die Welt ins Leben rief (so hieß es im Schöpfungsbericht); Gottes Wort erhält auch und gibt Weisung, Anweisung, zum Leben, zum Erhalt des Lebens (Stichwort 10 Gebote), ja, Gottes Wort kann sogar retten von Schuld und Sünde, wenn es Vergebung zusagt, wo scheinbar nur der Untergang möglich ist.
Christi Wort trägt alles... Das scheint hier zunächst noch sehr abstrakt, sehr undeutlich. Weihnachten scheint so wirklich in die Ferne gerückt, wo uns doch die Krippe gestern noch so nah erschien. Aber ich denke, dieses tragende, ertragende und weitertragende Wort kann ganz konkret werden: Einmal im Jahr feiern wir bei uns in der Haidachgemeinde einen richtigen Beichtgottesdienst. Ich frage unsere Gemeindeglieder, ob sie ihre Sünden aufrichtig bereuen - und nach dem bekennenden "Ja" spreche ich ihnen als "berufener Diener der Kirche Jesu Christi" die Vergebung der Sünden zu. Die Resonanz ist groß und viele Gemeindeglieder sagen mir, dass genau dieses Wort gut tut.
Öfters im Jahr stehe ich auf dem Friedhof bzw. in der Aussegnungshalle. Dort bekenne ich mit meinen bescheidenen Worten, und manches Mal erscheinen sie mir wirklich viel zu groß für meinen kleinen Glauben, manches Mal denke ich auch: Das kannst du doch nicht schon wieder sagen; also ich bekenne die Hoffnung auf die Auferstehung der Toden durch Gottes Wort. Und ich weiß - z.T. aus eigener Erfahrung, wie sehr Menschen genau dieses Wort brauchen - dieses Wort, das scheinbar so schwach ist, aber durch die Kraft Christi so stark ist, dass Menschen wieder Hoffnung zum Leben schöpfen können.
Und noch öfters erfahre ich, höre ich, wie sehr Menschen nach einer Orientierung suchen in dieser ach so orientierungslos gewordenen Welt. Sie suchen nach einem Wort, ja, nach einem göttlichen Wort, das ihnen eine Richtung angeben kann. Viel zu selten nehmen wir als Christen, als Kirche und Gemeinde diese Chance wahr. Wir haben doch etwas zu sagen, weiterzusagen: nämlich das göttliche Wort, das uns durch Jesus Christus gegeben ist.
Ich hoffe, sie haben daran gemerkt, wie dieser Blick durch die geöffnete Tür gen Himmel uns nicht zu Zuschauern einer göttlichen Liturgie, eines göttlichen Geschehens macht, sondern uns ganz konkret ansprechen. Göttliche Attribute Christi, die uns durch unseren Predigttext erschlossen,, aufgezeigt werden, sind nicht weltfremde Eigenschaften, die uns das Kind von Bethlehem entfremden, sondern sie sprechen uns an - ganz konkret in unserem Leben. Sie machen uns zu Weggenossen; Weggenossen Jesu Christi eben mit seinen beiden Naturen; Weggenossen, die gemeinsam das Geschehen der Weihnacht betrachten.
Amen.